Open To The Sea – Tales From An Underground River

Open To The Sea ist ein relativ rezentes Projekt von Enrico Coniglio aus Venedig und Matteo Uggeri aus Mailand, das mit “Tales from an Underground River” sein zweites Volllängenalbum vorlegt. Oder, eigentlich ist dies schon das vierte (soweit ich das sehe) gemeinsame Album der beiden. Schon 2017 erschien ein Duoalbum von Enrico Coniglio & Matteo Uggeri (was als Interpretenname auf dem Cover stand) namens “Open To The Sea“, und letztes Jahr veröffentlichten die beiden das limitierte Minialbum “Watering A Paper Flower” (zwei Mini-CDRs in 150 Exemplaren), diesmal als Open To The Sea.

Tales from an Underground River” ist also eigentlich das dritte Werk des Projekts, erschienen im Spätherbst 2022 beim Mailänder Label Alma De Nieto. Die CD steckt in einem bunten Hochglanz-Digipack, eine Art Dschungellandschaft mit Fluss zeigend. Darum ist noch ein Pergamentblatt gehüllt, auf dem Album- und Bandname und die Titelliste gedruckt sind. Sehr edel!

Ätherisch schweben auf “Tales from an Underground River” dicht miteinander verwobene Tonmuster dahin, Elektronisches, Field Recordings, elegisches Pianohallen, echoartiges Trompetenklagen, verhaltenes E-Gitarrenjaulen, langgezogenes Cello- oder Violastreichen und allerlei Perkussion, dezent und fragil, dabei sehr luftig und klangvoll. Im Vergleich zum Erstling (siehe “Another Year is Over, Let’s Wait For Springtime”) erklingen kaum menschliche Stimmen, wird weder gesungen noch rezitiert. Ab und zu sind im Hintergrund aber ein paar Stimmfetzen zu hören, oder huschen Kleinkinderlaute durchs Tonbild. Eine Art von Ambientmusik ist das, sind doch auch immer wieder Umwelt- oder Naturgeräusche (z.B. Wasserplätschern) zu hören, ein verhalten wogendes und hallendes Gemenge an synthetischen Sounds und instrumentalen Tönen.

Wirklich laut oder gar wüst wird es nie, eher fließt die Musik geruhsam und zerbrechlich dahin, mal mysteriös atmend, mal erhaben schallend, mal freier tonmalend, immer aber durchaus voluminös und klangvoll. Kurze Kammermusikmomente sind ab und noch auszumachen. Selten wallt die Musik etwas lauter auf, wetteifern die Instrumente etwas kantiger miteinander, oder arbeiten sich sonor knurrende oder dröhnende Sounds nach vorne. Als eine hypnotisch-traumartig dahintreibende 13-teilige Suite stellt sich “Tales from an Underground River” dar, bei der die einzelnen Teile meist ineinander übergehen (besser: fließen), die dicht, eher zurückhaltend, dabei aber seltsam eindringlich dahin wogt.

Tales from an Underground River” ist ein eher ruhiges Album mit sparsamen, aber dicht vermengten, sehr farbigen und vielschichtig produzierten Tongespinsten, die latent leicht angeschrägt, mal melancholisch, mal geheimnisvoll, mal warm und melodisch voran gleiten. Das Ergebnis ist ein beeindruckend zeitloses Klanggemälde, das wohl am ehesten Elektronikadepten zusagen sollte, die zudem keine Abneigung geben Ambientartiges und Experimentelles haben.

12/15

Achim Breiling (BabyBlaue) 30/12/2022

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